2017|01 HANNS HERPICH

aircube project poster

PRESSETEXT

Das älteste nachgewiesene Gewebe, es ist der Lehmabdruck eines Stoffes, der auf ein Alter von 25-27.000 Jahren datiert wird. Der Gewebeabdruck weist auf eine Leinwandbindung hin, also die einfachste Verbindung der zwei Fadensysteme Kette und Schuss. Um so ein Gewebe herzustellen, bedarf es zweier verschiedener Bewegungen der Kette. Beim Eintrag des 1. Schussfadens werden die ungeradzahligen Fäden der Kette gehoben, beim 2. Schussfadeneintrag die geradzahligen Kettfäden. In dieser Webtechnik entsteht die dichteste und engste Verbindung zwischen den Kettfäden und dem dazu im rechten Winkel verlaufendem Schussfadensystem. Durch die Variationen der drei notwendigen Komponenten, die eine Gewebequalität bilden, nämlich die Zahl der Fäden in der Kette und im Schuss je 1 cm, die Stärken der verwendeten Garne und Zwirne und die Art der Verkreuzung der Kett und Schussfäden, lassen sich eine unendliche Zahl von unterschiedlichen Stoffqualitäten herstellen. So z.B. sehr dicke, teppichartige Gewebe bis hin zu sehr dünnen, hauchfeinen und transparenten Stoffqualitäten. Raue und glatte, glänzende und matte, grobe und feine Gewebe, mit allen nur denkbaren Zwischenstufen können so gefertigt werden. Bei der erwähnten Leinwandbindung sind zwei als Schäfte bezeichnete Rahmen notwendig, in die die Kettfäden eingezogen werden. Um die Struktur dieser Leinwandbindung zu verändern, oder wenn zwei oder mehr Bindungsstrukturen in einem Gewebe erscheinen sollen, werden mehr als zwei Schäfte gebraucht. Die Anzahl der Schäfte ist in der Regel aus webtechnischen Gründen, auf 16 begrenzt. In sehr seltenen Fällen werden auch noch Stoffe mit 24 Schäften gefertigt. Die Größe des Musters ist auch bei einer hohen Schaftzahl begrenzt. Beim Handwebstuhl werden die Schäfte, und damit die Gewebestruktur und das Muster durch Tritte gesteuert, die unter dem Webstuhl angebracht sind und mit den Füßen bedient werden. Durch das nach unten Drücken der Tritte werden die Schäfte gehoben, die mit dem jeweiligen Schaft verschnürt sind. Diese Verschnürung der Tritte mit den Schäften enthält genaugenommen das Webprogramm. Man kann also bei diesen höchst komplizierten Verschnürungen bereits vom Programmieren eines Musters sprechen. Um diesen zeitaufwendigen Verschnürungsvorgang zu verkürzen und damit auch einen schnelleren Wechsel des Musters zu erreichen, wurden Geräte erfunden, welche die Steuerung der Schäfte durch Lochkarten übernahmen. Ein Loch in der Steuerungskarte entspricht der Hebung des Schaftes und somit der im Schaft eingezogenen Kettfäden. Kein Loch in der Karte entspricht der Senkung des Schaftes. Die Kettfäden bleiben hier unten. Dieses Lochkartenprinzip entspricht dem Ja-Nein in der späteren Entwicklung des Computers.

HANNS HERPICH - kommen und gehen - 1998 - leinen/jaquardgewebe - 50x46cm - 1-5/1 - von rechts

HANNS HERPICH – kommen und gehen – 1998 – leinen/baumwolle – 50x46cm – 1-5/1 – von rechts

HANNS HERPICH - kommen und gehen - 1998 - leinen/jaquardgewebe - 50x46cm - 1-5/1

HANNS HERPICH – kommen und gehen – 1998 – leinen/baumwolle – 50x46cm – 1-5/1 – von links

HANNS HERPICH - kommen gehen - 2002 - polyester/jaquardgewebe -  83x83cm - 1-8/1

HANNS HERPICH – kommen gehen – 2002 – polyester/jacquardgewebe – 83x83cm – 1-8/1

HANNS HERPICH - schwarz grau weiss - 2004 - polyester/jaquardgewebe - eigene technik - 66x68cm - 1-4/1

HANNS HERPICH – schwarz grau weiss – 2004 – polyester/jacquardgewebe – 66x68cm – 1-4/1

Der Wunsch der Steuerung, nicht nur der Schäfte mit den Kettfadengruppen, sondern der Steuerung der einzelnen Kettfäden, ist sicher immer ein Ziel aller gewesen, die mit der Musterung zu tun hatten. Und in der Tat, gab es schon in sehr früher Zeit, Handwebstuhlkonstruktionen in China, mit welchen die Steuerung eines jeden Kettfadens im Gewebe möglich war.
Bekannt sind allerfeinste chinesische Seidengewebe mit großflächigen Mustern und einer reichen Farbigkeit, die in Serien gewebt wurden. Zum Weben dieser Stoffe waren immer zwei Personen notwendig. Wie üblich natürlich der Weber, der den Schussfaden einträgt. Die zweite Person musste eine, über dem Handwebstuhl angebrachte Vorrichtung bedienen. Diese Vorrichtung enthielt das einmal im Original mühsam eingelegte Muster. Dieses Originalmuster wurde durch Schnüre mit den einzelnen Kettfäden des Webstuhls verbunden. Die zweite Person hatte nun die Aufgabe, bei jedem Schuss, der vom Weber eingetragen wurde, die Kettfäden, die ja im Originalmuster gespeichert waren, abzuteilen und hochzuziehen. Eine sicher körperlich sehr anstrengende Arbeit. Die in China erfundene Technik der Einzelsteuerung der Kettfäden und Programmierung von Mustern, wurde von den Seidenwebern in Lyon, in Frankreich, übernommen. Hier wurden nun leider für die schwere Arbeit des Hochziehens der jeweiligen Kettfäden immer häufiger Kinder eingesetzt. Joseph-Marie Jacquard erfand 1805 in Lyon, die nach ihm benannte Jacquard-Maschine. Eine Maschine, die mit Nadeln Lochkarten abtasten konnte, in die das Muster gespeichert wurde. Am Anfang der Entwicklung dieser Steuerungsmaschinen konnten ca. 400 Kettfäden einzeln bewegt werden. Dieses steigerte sich bis zu 1320 Arbeitsstellen. In der Reihenmontage von bis zu 6 Jacquard-Maschinen konnten, je nach Kettdichte, Muster in einer Größe bis zu drei Metern Stoffbreite gewebt werden. Die Herstellung dieser Lochkarten war aufwendig und damit sehr teuer. Bedingung war also, dass große Stoffmengen hergestellt werden mussten, damit sich die hohen Vorbereitungskosten wieder bezahlt machten. Sicher war es der Deutsche Werkbund und das Bauhaus, die erkannten, dass damit auch neue Gestaltungsformen erarbeitet werden mussten.

HANNS HERPICH - ohne titel - 2006 - polyester/jaquardgewebe - 113x113cm - 1/1

HANNS HERPICH – ohne titel – 2006 – polyester/jacquardgewebe – 113x113cm – 1/1

HANNS HERPICH - durchlauf 11 - polyester/jaquardgewebe - 2002 - 1-11/1

HANNS HERPICH – durchlauf 11 – 2002 – polyester/jacquardgewebe – 65x65cm – 1-11/1

HANNS HERPICH - durchlauf 11 - 2002 - polyester/jaquardgewebe - 65x65cm - detail

HANNS HERPICH – durchlauf 11 – 2002 – polyester/jacquardgewebe – 65x65cm – detail

HANNS HERPICH - mag es sein - 2004 - jaquardgewebe - eigene technik - 32,5x32,5cm - 1-9/1

HANNS HERPICH – mag es sein – 2004 – jacquardgewebe – eigene technik – 32,5×32,5cm – 1-9/1

Ob nun die Erfindung der Lochkarte durch Jacquard dem Gedanken der Digitalisierung Vorschub geleistet hat, vermag ich nicht zu sagen. aber sehr früh wurde damit begonnen, Maschinen zu entwickeln, um die Lochkarten durch Disketten zu ersetzen. Heute ist es möglich, große und bindungstechnisch differenzierteste Muster auf Diskette zu speichern. Die Steuerungsmaschinen übernehmen in Sekunden die Informationen und lassen daraus das Gewebe entstehen. Es ist möglich, in kürzester Zeit auf der Diskette Korrekturen vorzunehmen oder andere Bindungen einzugeben. Die Rapportlänge ist nahezu unbegrenzt. Wir stehen mit der Digitalisierung der Webprozesse, ebenso wie bei der Erfindung der Jacquard-Lochkarte, vor ganz neuen Gestaltungsmöglichkeiten. Eine der wichtigsten ist sicher die, dass nicht mehr, wie bei der Jacquardkarte, die Massenproduktion Bedingung ist, sondern dass auch Kleinserien und Einzelstücke möglich sind. Die Zusammenarbeit zwischen Kunst und Industrie bekommt damit sicher eine neue Dimension. Zu überlegen ist auch, ob die elektronische Webmaschine, durch die Digitalisierung der Gestaltungsprozesse und der Möglichkeit zum Einzelstück sowie der Kleinserie, nicht wieder zum Gerät für das Kunsthandwerk werden kann. Außer dem sozialen Aspekt, sehe ich heute zwischen dem Handweben und dem mechanischen Weben, nicht mehr die große Kluft, die über Jahre bestanden hat. Zum Prinzip des Webens gibt es jedenfalls keinen Unterschied.

Diese Auffassung wird sicher auf Widerstand stoßen, ist sie doch provozierend gemeint und soll zum gemeinsamen Diskurs anregen.

ANHANG

In der Ausstellung sind in der Mehrzahl Gewebe, deren Technik aus zwei übereinander gewebten Stoffen besteht.
Die Kett- und Schussfadendichte ist sehr hoch eingestellt, dadurch können sehr feine Strukturen gewebt werden, mit sehr feinen und differenzierten Farbübergängen zwischen den zwei Gewebeschichten. Mit verschiedenen Textilmaterialien lassen sich analog zur Farbe, sehr fein strukturierte Materialübergänge schaffen, womit über das Sehen, auch der für das Textile so entscheidende Tastsinn, angesprochen wird.
Das spannendste bei meiner künstlerischen Arbeit ist jedoch der Prozess der Fertigung eines Gewebes selbst, also das Zusammenbauen einzelner Fasern zu einem Flächengefüge. In der Regel wird eine Fläche bemalt oder sonst wie künstlerisch bearbeitet. Meine schöpferische Arbeit besteht aber vorwiegend darin, eine eigenständige Fläche zu schaffen, in die meine Intentionen einfließen und deren Gestaltungsmerkmale sich aus dem umfassenden Fertigungsprozess ableiten lassen.

Es ist also ein Gestaltungsprinzip, dass mit dem Werden in der Natur vergleichbar ist.

Nürnberg, 11.01.2017

Hanns Herpich

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors mit Brief vom 13.1.2017.

HANNS HERPICH - kommen gehen - 1998 - polyester/jaquardgewebe - 93x93cm - 1/1

HANNS HERPICH – kommen gehen – 2002 – polyester/jacquardgewebe – rückseite – 93x93cm – 1/1

HANNS HERPICH - ohne titel - 1998 - 42x31cm - 1/1

HANNS HERPICH – kommen und gehen – 1998 – 42x31cm – 1/1

fotos|gwa

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