2019|10 – 12 ULRICH OTTO

ULRICH OTTO – Ausstellungskatalog „DIE KRAFT DER STILLE“

Nicht nur Strenge und Askese…

In ihrem künstlerischen Programm setzt Ulrich Ottos Malerei konsequent die Ideen von Theo van Doesburg und Max Bill fort. 1924 stellte jener fest und erhob das zugleich zu einem bekannten Postulat: „Konkrete Malerei, also keine abstrakte, weil nichts konkreter, nichts wirklicher ist, als eine Linie, eine Farbe, eine Fläche.“ Fast fünfzig Jahre später definierte Max Bill diese Kunstrichtung noch präziser: „Konkrete Kunst nennen wir jene Kunstwerke, die aufgrund ihrer ureigensten Mittel und Gesetzmäßigkeiten – ohne äußerliche Anlehnung an Naturerscheinungen oder deren Transformierung, also nicht durch Abstraktion entstanden sind. Konkrete Kunst ist in ihrer Eigenart selbständig… Konkrete Kunst ist in ihrer letzten Konsequenz der reine Ausdruck von harmonischem Maß und Gesetz.“ So ist auch Ulrich Otto davon überzeugt, daß die Kunst – also lediglich Form und Farbe – daß der Inhalt der Kunst sie selbst sei und daß nichts Außerkünstlerisches ihre Reinheit trüben solle. Otto gehört zu jener Art von Künstlern, deren Kunst sich ausschließlich auf der Aktivität des Verstandes und des Auges gründet.

ULRICH OTTO – Diptychon I + II – je 120x60cm – Acryl/Nessel – 1991 – foto|gwa

ULRICH OTTO – Triptychon – je 150x75cm – Acryl/Nessel – 1992 – foto|gwa

Zwar war und bleibt die Malerei für den Künstler der zentrale Gegenstand seines Interesses, aber der Drang, sein Wissen zu erweitern, war lange Zeit stärker als sein Verlangen nach schöpferischer Arbeit. Deshalb studierte er 12 Jahre lang, von 1963 bis 1975. Zunächst begann er ein Studium der Malerei und Kunstpädagogik an der Akademie der Bildenden Künste, unterbrach es jedoch nach zwei Jahren. 1967 erwarb er das Dolmetscherdiplom für die italienische Sprache; danach kehrte er an die Akademie zurück; nach dem Examen nahm er sein nächstes Studium auf: Kunstgeschichte und Archäologie. Für einige Jahre beschäftigte er sich hauptsächlich als Lehrer an der Fachoberschule und am Gymnasium. Erst seit 1980 wurde die Malerei sein zentrales Arbeitsfeld.

ULRICH OTTO – o.T. – 50x50cm – Acryl/Hf – 1995 – foto|gwa
ULRICH OTTO – Diptychon III – je 120x60cm – Acryl/Nessel – 1991 – foto|gwa

Bereits in ihrem Ursprung hatte seine Malerei einen spekulativen, experimentell-analytischen Charakter. Von Anfang an verlief die Entwicklung in Serien, die jeweils einem bestimmten Problem gewidmet sind, das methodisch und mit unerschöpflicher Geduld durchdrungen wird. Die erste dieser Aufgaben, die den Künstler in den Jahren 1980-1982 intensiv beschäftigte, war das Problem der Ergänzungsfarben Rot und Grün. Damals realisierte Otto in Malerei, Siebdruck und auch in Reliefsystemen rot-grüne Gittergefüge. In den Jahren 1984-1990 entstanden stärker reduzierte, strukturelle monochromatische Bilder und Graphiken in den Grundfarben Blau, Rot, Gelb sowie in Weiß. Die Kompositionen schuf er einzig aus Kontrasten in den Valeurs. Diese asketische Form von Malerei betreibt der Künstler bis heute.

ULRICH OTTO – o.T. – Acryl/Hf – 1988 – foto|gwa
ULRICH OTTO – o.T. – 50x50cm – Acryl/Hf – 1992 – foto|gwa

Ulrich Otto ist forschend, hartnäckig und exakt. Wenn er auf ein, für ihn interessantes Problem stößt, ruht er nicht, bis er es sorgfältig ergründet hat. In dieser Hinsicht charakterisiert ihn treffend eine Äußerung aus dem Jahr 1996: „ So stellte ich mir die Aufgabe, eine gleichabständige, zehnstufige Grauskala zu malen und anschließend daraus eine komplexere Komposition zu entwickeln. Das Problem scheint sehr einfach, aber wer sich wirklich einmal damit auseinandersetzt, der wird erleben, dass der Teufel im Detail steckt, und das veranlasste mich überhaupt, mich immer mehr dem Problem der Farbe zu widmen. Seitdem beschäftige ich mich damit, habe auch inzwischen viele Erfahrungen machen können, bin mir gerade deshalb jedoch sicher, dass ich auf diesem Felde nie zu einem Ende kommen werde.“

ULRICH OTTO – o.T. – 30x30cm – Acryl/Hartfaser – 2001 – Diptychon – je 50x50cm – Acryl/Hf – 2001 – foto|gwa

ULRICH OTTO – Triptychon – je 50x50cm – Acryl/Hf – 2001 – Diptychon – je 30x30cm – Acryl/Hf – 2001 – foto|gwa

Seine Bilder hat Otto, präzise wie ein Uhrmacher, nach mathematischen Berechnungen und mit Sorge um eine ungestörte Harmonie aufgebaut. Die Lieblingsform des Künstlers, aufgrund ihrer vollkommenen Symmetrie und Schlichtheit, bei jedoch gleichzeitig vielfältigen Aufteilungsmöglichkeiten, ist das Quadrat. So bestimmt dieses Format auch die allermeisten seiner Bilder. Auch innerhalb der Bildfläche erscheinen gewöhnlich Quadrate, oft als zentrales Kompositionselement. Die Kompositionen des Künstlers sind ausschließlich aus Vertikalen und Horizontalen aufgebaut, damit das unberührte Gleichgewicht bewahrt wird und seine statische Dauerhaftigkeit nicht durch einen expressiven oder dynamischen Faktor beunruhigt wird. Es sind also stark vereinfachte Kompositionen, beinahe arm in ihrer Askese. Man könnte sagen, daß auch die Farbe asketisch behandelt ist, immer gebunden in einer monochromatischen Skala, und das nicht nur bei jedem Einzelbild, sondern auch bei mehrteiligen Arbeiten und in kleineren und größeren Werkgruppen. Das einfach so festzustellen, wäre aber zu oberflächlich und unhaltbar. Denn im Zusammenprall von Komposition und Farbgebung verbirgt sich bei Ottos Bildern ein gewisser Gegensatz. Wenn die Anordnung simpel und einfachstmöglich erscheint, ist die Farbe raffiniert, wenn der Bildaufbau weniger markant und fast starr ist, so ist die Farbe intensiver und satter, wenn der Bildaufbau arm ist, ist die Farbe herrlich reich, wenn die Anordnung korrekt, sparsam und ausdruckslos ist, so ist die Farbe tief, schön und freudestrahlend.

ULRICH OTTO – Diptychon – 150x75cm – Acryl/Nessel – 1985 – foto|gwa

ULRICH OTTO – Triptychon – je 50x50cm – Acryl/Hf – 2001 – foto|gwa

Otto, der  sich die Farbenlehre von Itten und Albers aus ihren Schriften und Werken erarbeitetete, der sich zur Faszination von Rothko, Calderara und Ad Reinhardt bekennt, benutzt ihre Erfahrungen, führt sie weiter und entwickelt sie mit einem besonders feinen Gespür. In den Bildern aus den blauen, grünen oder gelben Serien sind die Farbnuancen bewundernswert raffiniert. Manchmal treffen sich geringfügig wärmere und kältere Töne innerhalb der gleichen Farbe, manchmal unterscheiden sie sich nur in ihrer Helligkeitsstufe; oft nähern sie sich so stark an, daß man Unterschiede kaum mehr erfassen kann.

ULRICH OTTO -Diptychon. – je 30x30cm – Acryl/Hf – 2001 – foto|gwa

Das analytische, gründliche, mathematisch systematisierte Werk Ottos enthält einen Keim des Paradoxen. Nicht nur in dem beschriebenen Widerspiel zwischen schematischem Kompositionsgerüst und pulsierender Lebendigkeit der Farbe. Bedeutend tiefere Gegensätze werden spürbar, wenn das fast experimentell-wissenschafliche Programm des Künstlers und die skrupelhafte Art, auf die es ausgeführt wird, den daraus resultierenden Ergebnissen gegenübergestellt werden. Zwar sind seine Bilder, wie er es will, eine Prüfung seiner Ziele, Stufen in einem Forschungsprozeß und endlich Antworten auf Fragen, für die er bisher nirgends eine Antwort fand. Darüber hinaus sind sie nach Meinung des Künstlers Kunstobjekte, deren Botschaft nur die Kunst ist. Man mag mathematische Verhältnisse der Flächenaufteilung finden, wie 3:3, 5:5, 1:4, ebenso die Relativität der Farbempfindung, wie beim Phänomen des Simultankontrastes, wenn ein nichtexistenter Umriß beim Kontakt von Farbflächen entsteht, oder man mag illusionistische Raumwahrnehmungen haben, dergestalt daß dunklere Rechtecke nach hinten schweben und hellere Formen sich dem Betrachter nähern.

Aber Ulrich Ottos Bilder wenden sich, trotz ihrer strengen Disziplin, nicht nur an die Physiologie des Sehens und an den Verstand. Durch ihre Ausgewogenheit und Stille, durch ihre perfekte Ordnung und Harmonie und vor allem Dank ihrer verführerischen Schönheit ziehen sie magnetisch an, wirken ein auf die Sinne und erreichen die Welt der Emotion. Die Bilder aus der Ultramarinserie führen zu Strenge und Meditation, die grünen bringen Heiterkeit, ein Gefühl von Freiheit und das Erlebnis weiter Räume, die gelben schenken Sonnenfreude. Alle laden ein zur Kontemplation und sind ein Spiegel der vollkommenen Harmonie des Mikro- und Makrokosmos. Sie lösen Assoziationen aus, führen zu Reflexionen fernab vom Gebiet der Kunst und bereichern den Menschen wesentlich tiefer als Überlegungen über das, was sich berechnen und messen lässt.

Dr. Bozena Kowalska

Textquelle: Ausstellungskatalog “ DIE KRAFT DER STILLE“ – mit freundlicher Genehmigung der Autorin am 1.10.2019

Redaktion, Lektorat, Gestaltung: Ulrich Otto

Druck: Druckerei Heinelt, Nüsttal

Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen/Rhein – 1986 – Titelbild von Ulrich Otto –
einige Exemplare werden in der galerie wuensch aircube angeboten