2013|07 VESNA KOVACIC – euklidisch / nichteuklidisch 1993-2013

VESNA KOVACIC, ARTIST STATEMENT, 2005

HOW TO ILLUSTRATE AMAZEMENT: „AH, THAT´S IT?“

ANAMORPHOSIS – NON-EUCLIDEAN-EUCLIDEAN
We perceive a variety of inner feelings, sensations, emotions and emerging
thoughts. Single movements are continually transformed into ideas, visions,
conceptions, opinions and systems. We observe ourselves and compare certain
aspects and characteristics of inner processes thus entering into a dialogue with
ourselves. My work demonstrates this process.
I have divided this phenomenon into three components:

FOLDING – NON-EUCLIDEAN
The relief consists of folds. I see them as traces of energy that have become
visible. Energy is moving in the world and forming all objects. The folding in my
reliefs represents the traces of this energy movement. There is no rule for the
way the folding jointly forms a relief. The relief is therefore the chaotic side of
my work.

PATTERN – EUCLIDEAN
The chaotic character of the relief stands in sharp contrast to the pattern. The
linear grid that I am using is representative for all possible patterns.

VANASHING POINT
The vanishing point in my work describes the subject, which views the world
through patterns, ideas, visions and concepts. If the subject changes its location,
the appearance of the pattern will change, too. It becomes visible how flowing
energy transforms the pattern.
I determine several vanishing points in different positions. This is how a kind of
self-reflection model is created.

RESULT – REPRESENTATION OF EMERGENCE
The work is three-dimensional. It changes to an apparently two-dimensional face
filled with controlled linear grid.
When the viewer of the visual field, meaning the relief, discovers the pattern,
this will be a light bulb moment. It is the moment when a complicated, unclear
counterpart suddenly turns into something that seems to be well-known,
something understandable.
The viewer intuits that the picture includes something essential of himself. He
can get deeper into it feeling amazement, pleasure or even scare by experiencing
how close chaos and order are.

VESNA KOVACIC ÜBER IHRE ARBEIT – 2005
WIE STELLT MAN DAS STAUNEN DAR: „AHA, DAS IST ES ?“
ANAMORPHOSE – NICHTEUKLIDISCH-EUKLIDISCH
Wir nehmen eine Fülle von inneren Regungen, Empfindungen, Emotionen, keimenden Gedanken wahr. Immer wieder wandeln sich einzelne Strömungen in geordnete Muster von Ideen, Vorstellungen, Konzepten, Meinungen und Systemen. Wir beobachten uns dabei selbst, vergleichen die einzelnen Aspekte und Eigenschaften innerer Abläufe und treten so in Dialog mit uns selbst.
Meine Arbeit stellt diesen Vorgang dar.
Dieses Erscheinungsbild habe ich in drei Komponenten aufgegliedert:
FALTUNGEN – NICHTEUKLIDISCH
Das Relief besteht aus Faltungen. Sie sind für mich sichtbar gewordene Spuren von Kraft. Kraft bewegt sich in der Welt und formt dadurch alle Objekte. Spuren dieser Kraftbewegungen sind in meinen Reliefs die FALTUNGEN. Es ist keine Regel zu entziffern in der Art, wie die Faltungen miteinander ein Relief bilden. Das Relief steht so für die chaotische Seite meiner Arbeit.
MUSTER – EUKLIDISCH
Den größten Kontrast zum chaotischen Charakter des Reliefs stellt das Muster dar. Das lineare Raster in meiner Arbeit steht für viele mögliche Muster.
FLUCHTPUNKT
Der Fluchtpunkt beschreibt in meiner Arbeit das Subjekt.
Es betrachtet die Welt durch Muster, Ideen, Vorstellungen, Konzepte. Wenn sich der Standort des Subjektes bewegt, ändert sich das Erscheinungsbild des Musters. Es wird sichtbar, wie das Muster von Strömungen der Kraft umgeformt wird. Ich lege mehrere Fluchtpunkte in verschiedenen Positionen fest.
So entsteht eine Art Selbstreflexionsmodell.
ERGEBNIS – DARSTELLUNG VON EMERGENZ
Die Arbeit ist dreidimensional. Sie verändert sich in eine scheinbar zweidimensionale Fläche, die mit geordnetem linearem Raster gefüllt ist.
wenn der Betrachter des visuellen Feldes, also des Reliefs, das Muster entdeckt, bedeutet dies für ihn ein Aha-Erlebnis. Dies ist der Moment, in dem ein kompliziertes, unüberschaubares Gegenüber als etwas Bekanntes, als etwas Begreifbares, erscheint. der Betrachter ahnt intuitiv, dass das Bild wesentliches seiner selbst beinhaltet. Er kann sich darauf einlassen und staunen, Freude oder Erschrecken dabei empfinden, wenn er erlebt, wie nahe CHAOS und ORDNUNG beisammen liegen.
Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, e-mail vom 14.7.2013
EUGEN GOMRINGER
anläßlich der Ausstellung VESNA KOVACIC, „GEOMETRIE DER SEELE“, Museum Oberfahlheim, 2006.
Jedes wichtige Schrifttum über das menschliche Erkennen beginnt unweigerlich mit dem Kapitel „Wahrnehmung“.
Damit wird immer auch auf den ursprünglichen Sinn der griechischen AISTHESIS hingewiesen und das heißt, auf die Lehre von der sinnlichen Erkenntnis. Auch die Ästhetik, die heute unser Interesse hat, setzt die Wahrnehmung an den Anfang Ihrer Betrachtungen. Es findet dadurch eine Rückbesinnung auf die Prozesse statt, duch die wir zur Erkenntnis gelangen, wobei wir davon ausgehen, dass wir nicht einfach Beobachter einer objektiven Welt sind oder gar deren Herrscher, sondern dass wir als Subjekte selbst Teil eines Wirkungszusammenhangs sind. Man spricht ja auch von der äußeren Wahrnehmung von Dingen und Vorgängen und von der inneren Wahrnehmung als Selbstwahrnehmung und Erlebniswahrnehmung. Über Wahrnehmung reden heißt demnach, über mehr reden als über bloße Wahrnehmung.
Auch in der Kunst, also sozusagen in der Praxis der Ästhetik, befasst sich einer ihrer ältesten und glaubwürdigsten Zweige in den letzten Jahrzehnten intensiv mit der Wahrnehmungsthematik und versteht dabei mehr als den bloßen Wahrnehmungsakt. Es ist dies die reife Entwicklungslinie der Konstruktiven Konzepte. Wahrnehmung ist integriert in die Innensicht. Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt, die wir im Prozess des Erkennens gemeinsam schaffen.
VESNA KOVACIC nennt bezeichnenderweise ihre Ausstellung „GEOMETRIE DER SEELE“ und sagt damit genau, was Inhalt ist, was wir mit ihrer Kunst erleben. Geometrie ist unsere beste abendländische künstlerische Erbschaft. Sie ist weit verbreitet, viel weiter, als oft vermutet. Sie ist heimliches Rückgrat selbst derjenigen Künste, die versucht haben, auf sie zu verzichten. Und Seele ist, was wir mit der inneren Wahrnehmung der Geometrie machen, was wir deduzieren und verarbeiten und selbst entwickeln. Zu den elementaren Lebensvorgängen, durch die wir zur Erkenntnis gelangen, sind beide – wie man sagt – interaktiv notwendig: GEOMETRIE und SEELE. Geometrie ist das Konstruierte, das Machbare. Es gibt die axiomatische Basis der EUKLIDISCHEN GEOMETRIE. Die Winkelsumme des Dreiecks ist nie verändert worden. Allerdings muß man bald einwerfen, dass eine NICHTEUKLIDISCHE GEOMETRIE eine hyperbolische Geometrie ist und dass auch Topologie, als Geometrie der elastischen Verformungen, sich andere Aufgaben stellt als EUKLIDISCHE GEOMETRIE. Sie erbringt unterschiedliche Eigenschaften der Lage. Doch unsere Künstlerin hat sich aus der Kombination von Verformung und Fluchtpunkt eine eigene Geometrie, man könnte vielleicht sagen: eine eigene nichteuklidische geometrische Szene erstellt. Und zwar mit Hilfe des inneren Dialoges, der immer dann zu wirken beginnt, wenn wir einer äußeren Erscheinung gegenübertreten, uns ihr gegenüber sehen.

Ich kann nun nichts besseres tun als mich auf die Informationen stützen, die VESNA KOVACIC selbst über den Aufbau ihrer Arbeit abgibt. Sie unterscheidet sehr klar drei Bereiche ihrer Arbeit. Ich gehe davon aus, was wir bei der Begegnung mit ihren Arbeiten zuerst sehen: nämlich ein Relief, das aus Faltungen besteht, ihm gehört unsere erste Wahrnehmung.
Faltungen – das sind Begegnungen mit der Erdoberfläche. Wenn wir unseren Planeten über topografische Karten gebeugt betrachten, sind es die großen und kleinen Faltungen, die langen schmalen wie etwa die Cordillieren in Südamerika, was Kettengebirge heißt, die unser Staunen hervorrufen. das Relief der Faltungen stellt ein unüberschaubares Bild der Welt dar, gibt uns einen Endruck von der Kraft, die die Welt formt. Anders als das große Werk unseres Planeten ist das Werk der Kunst jedoch überschaubar, d.h. es hat das Format eines Wahrnehmungsobjektes, ist auf uns zugeschnitten. Es ist – befragt man den Klassiker der Wahrnehmung der visuellen Welt JAMES GIBSON – ein visuelles Feld. Das visuelle Feld wird beschrieben als eine perspektivische Szene, während die Welt EUKLIDISCH bleibt. Für das visuelle Feld gilt auch, dass jede Kopfbewegung seine Verformung mit sich bringt und eine Änderung im Muster der projizierten Formen eintritt.
Konform mit der klassischen Theorie von JAMES GIBSON ist für VESNA KOVACIC das Muster das Bild von einer Idee, ein Konzept, eine Meinung, ein System. Das Muster ist die Fähigkeit des Subjektes. Das Subjekt kann eine Fülle von Muster zusammenstellen. „Wenn der Betrachter des visuellen Feldes, also des Reliefs, das Muster entdeckt“ – ich zitiere die Künstlerin – „ist es für ihn ein Aha – Erlebnis. Es ist ein Moment, in dem sich ein kompliziertes, unüberschaubares Gegenüber als etwas Bekanntes, Begreifbares darstellt.“ besser lässt sich tatsächlich dieses Erlebnis der Entdeckung des Musters nicht beschreiben. Transponiert in das große Welttheater der topografischen Karte unseres Planeten würde das bedeuten, wir sehen endlich das Muster, den Zusammenhang in einem Bild vor Augen. Wir können das annähernd, wenn wir den Maßstab sehr klein wählen, nur ganz rund um den Planeten zu sehen, ist dennoch nicht möglich.
Das visuelle Feld ist eine Konstruktion, eine Setzung der Künstlerin. Dies ist vor allem auch das, was die Künstlerin als Fluchtpunkt bezeichnet. Es ist dies nicht der übliche Fluchtpunkt der Renaissance. Wir Beobachter sind der Fluchtpunkt. Sie folgert aus der Tatsache, dass das Subjekt, also z.B. wir, die Welt durch Muster betrachten, dass das auch bedeutet, die Welt durch Ideen, Vorstellungen, Konzepte zu betrachten. Wenn sich der Fluchtpunkt bewegt, d.h. wir, der Subjektpunkt, ändert sich der Eindruck vom Muster. Die Künstlerin legt nun aber verschiedene Fluchtpunkte fest, es entstehen verschiedene Positionen. Dadurch fördert sie den inneren Dialog, die seelische Haltung ist flexibel, reflektiv. Das gibt Spannweite in der Betrachtung der Realität eines Objekts.
Das Aha – Erlebnis ist mit einem Wort die Entdeckung, dass der Augenblick eines CHAOS, wie ihn das faltenreiche Relief bietet, durch das Muster gesehen, hervorgerufen durch eine kleine Positionsänderung, den Augenblick der ORDNUNG wahrnehmen lässt. Unsere Wahrnehmung befasst sich sozusagen mit einem Objekt, das sich unter den Augen vom CHAOS zur ORDNUNG wandelt. Es ist das eine Objekt. Die Wandlung in der Wahrnehmung entsteht durch uns, durch uns als Fluchtpunkt. Solche Verlagerungen des Fluchtpunktes in das Subjekt erinnern an mystische Erlebnisweisen, auch an des Philosophen Fchtes Solipsismus, an das autonome ich, an die Selbstsetzung. Das Ich oder das Subjekt allein enthält in seinem Bewußtsein das erkennbare Seiende. Daraus wurde auch geschlossen, dass alle anderen Ich oder Subjekte sowie die ganze Außenwelt nur seine Vorstellungen sind. Soweit gehen wir mit den visuellen Feldern von VESNA KOVACIC nicht. Sie bewahrt uns mit dem realen Relief mit seinen Faltungen vor reinen Vorstellungen. Das CHAOS ist keine Vorstellung. Es ist. Es ist gleichzeitig durch uns aber auch die ORDNUNG. Dass uns die Kunst durch Wahrnehmungsobjekte solche Fragen stellt, ist nicht üblich. Wir sehen aber gerade darin eine ihrer wichtigen Aufgaben.Es ist ihr Beitrag zur Selbsterkenntnis und zur Orientierung.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors, e-mail v. 14.7.2013.
fotos| galerie wuensch aircube

SAATCHI GALLERY

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.